Ist das echt? Oder ist das KI-generiert?
Unser Head of Digital Communications Christian Klar unterhält sich mit dem Fotografen Pierre Adenis über die erstaunlichen Fähigkeiten der aktuellen KI-Bildgeneratoren.
Interview
Christian Klar: Pierre, was sagst Du als erfahrener Fotograf? Kann man Stand heute KI-generierte Bilder von Fotografien noch unterscheiden?
Pierre Adenis: Bereits 2023 hat der deutsche Fotograf Boris Eldagsen den Sony Foto Award mit einem KI-generierten Bild gewonnen. 2024 wiederum hat eine „echte“ Fotografie in einem KI-Wettbewerb gewonnen. Die Grenzen scheinen also bereits zu verschwimmen.
Wenn jemand die aktuellen KI-Tools kennt und gut einsetzt, dann ist die Antwort ganz klar: Nein.
Wenn man gezielt danach sucht, kann man vielleicht noch Indizien finden – aber auf den ersten Blick ist es fast unmöglich, den Unterschied zu erkennen.
Christian Klar: Woran könnte man ein Fake-Bild noch erkennen?
Pierre Adenis: Die Bilder sind inzwischen formal so korrekt und realistisch, dass man eher nach dem Kontext schauen muss. z.B. sollte man sich fragen: Kann das wirklich ein Bild von Donald Trump hinter Gittern im Gefängnis sein? Nein – kann nicht. Die Zeiten sind vorbei, wo man zu viele Finger oder schlechte Übergänge im Bild sieht. Die aktuellen Dienste werden sogar bereits auf kleine Imperfektionen trainiert, z.B. leicht überbelichtete Bilder oder extreme Situationen. Dadurch wirken die Bilder noch echter.

Nur eines dieser Bilder ist fotografiert, die anderen sind KI-generiert.
Quelle: Pierre Adenis
Christian Klar: Du hast einen kleinen Test auf LinkedIn gepostet mit 9 Bildern von der selben Szene – eines davon ist eine echte Fotografie, die anderen sind KI generiert. Wie waren die Reaktionen?
Pierre Adenis: Zuerst habe ich das Freunden geschickt – insbesondere an Fotografen, Künstler, Journalisten – alles Fachleute mit einem geübten Auge. Bisher hat nur mein Bruder das richtige Bild auf Anhieb gefunden. Ein Freund von mir hat ChatGPT 5 gefragt, welches das echte Bild ist. ChatGPT hat eine richtige gute Analyse der Bilder gemacht, aber das falsche Bild gewählt.
Hier der Link zum LinkedIn Post.
Das Bild in etwas höherer Auflösung kann hier angesehen werden.
Ein weiteres Beispiel mit Portraits ist hier.
Christian Klar: Wo sind die Grenzen der Möglichkeiten aktuell aus Deiner Sicht?
Pierre Adenis: Wenn Du sehr spezifische Prompts hast und der KI wenig Spielraum lässt, kommen oft keine so guten Ergebnisse heraus.
Die KI-Systeme treffen inzwischen an unerwarteten Stellen Entscheidungen, die willkürliche und unerwartete Veränderungen einbaut.
Ich habe zum Beispiel ein altes stark zerkratztes Bild von einer KI nachbauen lassen. Es zeigt eine Weihnachtsszene bei mir zu Hause mit Weihnachtsbaum, Lametta und Kerzen am Baum. Die KI hatte den Auftrag das Bild ohne Kratzer aufzubauen. Sie hat das Lametta vollständig entfernt, weil sie das Lametta für Kratzer gehalten hat. Unerwartet war außerdem, dass in der Neufassung die Kerzen am Baum angezündet waren.
Christian Klar: Gibt es überhaupt „Echt“ in der Fotografie?
Pierre Adenis: Fotografie ist immer nur eine Interpretation der Realität – „Echt“ ist daher von Anfang an kein guter Begriff. Auch mit Analog-Film hast Du große Unterschiede sehen können von der selben Szene, je nachdem ob man Fuji, Kodak oder Agfa Filme eingesetzt hat. Eine Bildaussage kann sich verändern, je nachdem welchen Ausschnitt man wählt. Es kommt extrem auf den Kontext eines Bildes an. Es geht eher um die Frage – ist das so passiert? Gab es diesen Moment? ist das authentisch gewesen? Es gibt inzwischen auch (echte) Influencer, die sich durch Filter einen so künstlichen Look geben, dass sie unrealistischer aussehen als KI-generierte Personen.
Christian Klar: Wo überschreitet man die Grenze von Bildbearbeitung hin zu Manipulation eines Bildes?
Pierre Adenis: Für mich ist die Grenze überschritten, sobald man den Kontext des Bildes verändert. Schon in der Analogfotografie gab es viel Bildnachbearbeitung in der Dunkelkammer, welche die Grenzen zur Manipulation schnell überschreiten konnte. Für die klassische Fotografie sind aus meiner Sicht die Contest Rules des World Press Photo Awards eine gute Richtlinie. Diese verlangen einen dokumentarischen Ansatz – das Inszenieren einer Szene kann da schnell als Manipulation gelten. In der Nachbearbeitung sind nur solche Änderungen erlaubt, die an der Bildinformation nichts verändern. Das Entfernen oder hinzufügen von Bildbestandteilen ist explizit verboten. Im Rahmen dieser Vorgaben sind dann auch KI-Tools erlaubt – solange sie nicht zu signifikanten Änderungen des Ursprungsbildes führen.
Christian Klar: Sind KI Bildgeneratoren Für Dich als professionellen Fotografen ein neues Hilfsmittel, oder eine Bedrohung?
Pierre Adenis: Ich weiss es noch nicht genau. Als Mode- oder Werbefotograf würde ich mehr Probleme sehen. Aber ich fotografiere Menschen. Fotografen werden so lange gefragt sein, wie Authentizität eine Rolle spielen. Dazu muss aber der Auftraggeber Wert auf Authentizität legen. Ich finde KI generierte Bilder sollten immer gekennzeichnet werden, nur dann können sich die Betrachter eine Meinung bilden.

Quelle: Pierre Adenis
Über Pierre Adenis:
Pierre Adenis ist ein französischer Fotograf mit Berlin als Wahlheimat, dessen Karriere eng mit den historischen Umbrüchen und urbanen Transformationen von Berlin verbunden ist. Seit dem Fall der Mauer dokumentiert er mit feinem Gespür für Zeitgeschehen und Architektur die Veränderungen in Berlin, Deutschland und Europa. Heute arbeitet er für internationale Medien und Unternehmen – stets mit dem Blick für das Wesentliche hinter dem Moment.
Zum vertiefen: Podcast über KI des Deutschen Fotorats mit Boris Eldagsen. Empfehlenswert ist besonders Folge #6 mit einer Modefotografin als Gast die auf KI-Bilder umgestiegen ist.