Wenn die Gesellschaft auseinanderdriftet neue Aufgaben für die Interne Kommunikation
Die gesellschaftspolitische Landschaft verändert sich rasant: Democratic Backsliding bezeichnet den schleichenden Abbau demokratischer Institutionen und Normen durch gewählte Politiker selbst. Zunehmende Polarisierung prägt unsere Zeit und führt zu Verunsicherung. Social Media verstärkt die Spaltung, Algorithmen schaffen Echokammern. Was hat das mit Unternehmen und Ihrer internen Kommunikation zu tun? Mehr als man zunächst denkt.
Unternehmen als Mikrokosmos gesellschaftlicher Konflikte
Spannungsthemen machen vor der Bürotür nicht Halt. Ob Gendern, Klimawandel oder Migrationspolitik: Was die Gesellschaft spaltet, wird auch in Kaffeeküchen und Teamrunden diskutiert. Konflikte bleiben nicht aus, wenn unterschiedliche Weltanschauungen aufeinanderprallen und gefährden die Zusammenarbeit und die Bindung ans Unternehmen.
Unternehmen geraten unter Druck. Haltung und Werte stehen auf dem Prüfstand, Diversity-Programme werden abmoderiert und Nachhaltigkeit verliert an Priorität. Schnell zeigt sich, ob Überzeugung oder bloße PR-Kosmetik dahintersteht.
Warum Unternehmen handeln müssen
Arbeitgeber zählen nach wie vor zu den glaubwürdigsten Institutionen (Edelman Trust Barometer 2024). Und der gesellschaftliche Erwartungsdruck ist hoch: Menschen erwarten, dass CEOs zu relevanten Themen Stellung beziehen und Unternehmen transparent über ihre Werte sprechen. Im Zeitalter der Hypertransparenz ist Zurückhaltung kaum möglich, denn Social Media und Öffentlichkeit erzwingen Haltung.
Corporate Political Responsibility als strategische Antwort
Corporate Political Responsibility (CPR) ist eine Weiterentwicklung von Corporate Social Responsibility (CSR) und bezieht die politische Dimension in die unternehmerische Verantwortung mit ein. Den Rahmen setzen dabei die Unternehmenswerte und -ziele. Das Konzept erfordert orchestriertes Handeln auf drei Unternehmensebenen:
- CEO-Ebene: Haltung entwickeln und sichtbar machen
- politische Positionierung zu (unternehmens-)relevanten Themen entwickeln
- “intern vor extern”: erst Belegschaft einbinden, dann nach außen gehen
- Vertrauen und Zuversicht vermitteln
- Führungsebene: zuhören und moderieren
- Diskussionen professionell begleiten statt ignorieren
- Gemeinsamkeiten betonen und Teamgefühl stärken
- Bei extremistischen Äußerungen eingreifen und die Arbeitsatmosphäre schützen
- Interne Kommunikation: strategische Architektin
- Stimmungen im Unternehmen systematisch erfassen und analysieren
- Tone of Voice für heterogene Gruppen entwickeln (z. B. Ost-West-Unterschiede)
- Formate für konstruktive Debatten, Perspektivwechsel und Zuhören schaffen und Dialogkultur etablieren
Zudem können die Führungskräfte in enger Zusammenarbeit mit HR in Konfliktmanagement und Gesprächsführung geschult werden.
Wie IK-Profis gegensteuern können
Die interne Kommunikation bekommt damit eine neue Rolle: Sie wird Architektin einer Unternehmenskultur, die Meinungsvielfalt nicht nur aushält, sondern als Stärke nutzt.
Drei zentrale Handlungsfelder:
- Seismograf sein: Stimmungen erfassen, Spannungsfelder benennen, Orientierung geben.
- Resilienz fördern: verbindende Werte erlebbar machen, Räume für Austausch und Perspektivwechsel schaffen, Zuhören fördern.
- Führung befähigen: Führungskräfte zu Moderatoren von Debatten entwickeln, Dialogkultur systematisch verankern.
Polarisierung und demokratischer Rückschritt fordern Unternehmen und Führungskräfte intern wie extern heraus. Arbeitsatmosphäre und Produktivität sinken, wenn Mitarbeitende aufgrund von Herkunft oder sexueller Orientierung gemobbt werden. Die Interne Kommunikation kann mit daran arbeiten, dass Organisationen Orte des Austauschs und der Resilienz werden. Führung und Kommunikation sollten Haltung zeigen und das Feld nicht denen überlassen, die am lautesten sind.